Kapitel 01 — Übungen

Das neue Psoas-Training: Ansätze für mehr Mobilität

Das neue Psoas-Training erklärt: Anatomie des Lendenmuskels, der Ansatz von Ingo Froböse, die Studienlage zu Rückenschmerzen und Übungen zum Start.

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Acht Stunden am Schreibtisch, danach eine Stunde im Auto, abends auf dem Sofa – und beim ersten Schritt aus dem Sitzen fühlt sich die Hüfte an, als müsse sie erst entfaltet werden. Genau hier setzt das neue Psoas-Training an: Es rückt einen Muskel in den Mittelpunkt, der tief im Rumpf liegt, beim Sitzen dauerhaft in verkürzter Position arbeitet und trotzdem in vielen Trainingsplänen kaum vorkommt. Dieser Artikel erklärt, was der Psoas anatomisch leistet, was hinter dem Ansatz steckt, was belegt ist – und mit welchen Übungen du konkret startest.

Das neue Psoas-Training: Warum der Psoas der Schlüsselmuskel für deine Mobilität ist

Der große Lendenmuskel, lateinisch Musculus psoas major, ist der einzige Muskel, der die Wirbelsäule direkt mit dem Bein verbindet. Er entspringt seitlich an den Wirbelkörpern und Querfortsätzen der unteren Brust- und der Lendenwirbelsäule, zieht durch das Becken nach vorn und setzt gemeinsam mit dem Darmbeinmuskel (Musculus iliacus) am kleinen Rollhügel des Oberschenkelknochens an. Zusammen bilden beide den Iliopsoas, den stärksten Hüftbeuger des Körpers.

Funktional erfüllt der Psoas drei Aufgaben:

  • Hüftbeugung: Er hebt den Oberschenkel nach vorn – beim Gehen, Treppensteigen, Sprinten.
  • Rumpfbeugung: Bei fixiertem Bein zieht er den Oberkörper nach vorn, etwa beim Aufrichten aus der Rückenlage.
  • Stabilisierung: Durch seinen Ansatz an der Lendenwirbelsäule trägt er zur Stabilität des unteren Rückens bei.

Gerade diese Doppelrolle macht ihn für die Mobilität so relevant. Ein Psoas, der seine volle Länge nicht mehr freigibt, begrenzt die Hüftstreckung – also die Bewegung des Beins nach hinten. Die fehlt dann beim Laufen, bei Ausfallschritten oder im Stand. Der Körper kompensiert häufig über eine verstärkte Bewegung in der Lendenwirbelsäule.

Wie der Hüftbeuger insgesamt aufgebaut ist und welche Muskeln neben dem Psoas dazugehören, erklärt der Beitrag Was ist der Hüftbeuger und welche Funktion hat er?. Wie du einschätzen kannst, ob deine Hüftbeuger die Hüftstreckung tatsächlich einschränken, zeigt der Iliopsoas-Test für die Hüftbeuger.

Das neue Psoas-Training nach Ingo Froböse: Der Ansatz erklärt

„Das neue Psoas-Training“ ist der Titel eines Buchs des Sportwissenschaftlers Ingo Froböse, Professor an der Deutschen Sporthochschule Köln. Es widmet sich ausdrücklich dem großen Lendenmuskel und verspricht im Untertitel einen Weg zu einem schmerzfreien, leistungsfähigen und beweglichen Körper. Das genaue Übungsprogramm und dessen Aufbau findest du im Buch selbst – dieser Artikel ersetzt es nicht, sondern ordnet die Grundidee ein.

Der Kern des Ansatzes lässt sich auf eine Erkenntnis reduzieren, die in der Trainingswissenschaft breit geteilt wird: Ein Muskel, der den Großteil des Tages in einer Position verbringt, passt sich dieser Position an. Wer viel sitzt, hält die Hüfte stundenlang gebeugt. Der Psoas arbeitet dann dauerhaft im verkürzten Bereich und wird selten über seine volle Länge belastet.

Psoas-Training im Sinne eines modernen Mobilitätsansatzes kombiniert deshalb drei Bausteine:

  1. Längenarbeit: Dehn- und Mobilisationsübungen, die die Hüftstreckung zurückholen.
  2. Kräftigung: Übungen, in denen der Psoas aktiv arbeitet – idealerweise auch in verlängerter Position.
  3. Alltagsunterbrechung: Regelmäßiges Aufstehen und Bewegen, damit die gebeugte Sitzposition nicht zum Dauerzustand wird.

Der Punkt „Kräftigung“ ist dabei der eigentlich neue Akzent gegenüber dem klassischen „Hüftbeuger dehnen“. Ein Muskel, der nur gedehnt wird, gewinnt zwar Beweglichkeit, aber nicht die Fähigkeit, diese Beweglichkeit zu kontrollieren. Mobilität im Sinne eines nutzbaren Bewegungsumfangs entsteht erst, wenn beides zusammenkommt.

Warum ein verspannter Psoas mit Rückenschmerzen in Verbindung gebracht wird

Der Zusammenhang zwischen Psoas und Rückenschmerzen wird oft so erklärt: Ein verkürzter Lendenmuskel zieht die Lendenwirbelsäule nach vorn, verstärkt das Hohlkreuz und erhöht so die Belastung im unteren Rücken. Dieses Modell ist anatomisch plausibel, denn der Psoas setzt direkt an den Lendenwirbeln an.

Evidenzbewusst muss man aber ergänzen: Die Studienlage zum direkten Zusammenhang zwischen Psoaslänge und unspezifischen Rückenschmerzen ist uneinheitlich. Rückenschmerzen haben fast immer mehrere Ursachen – Belastung, Bewegungsmangel, Schlaf, Stress und individuelle Faktoren spielen zusammen. Ein eingeschränkter Psoas ist in diesem Bild ein möglicher Baustein, keine Universalerklärung.

Praktisch bedeutet das: Wenn du viel sitzt, beim Aufstehen ein Ziehen in der Leiste oder im unteren Rücken bemerkst und im Test eine eingeschränkte Hüftstreckung zeigst, ist Psoas-Training ein sinnvoller Ansatzpunkt. Es ist risikoarm, verbessert die Hüftmobilität und lässt sich gut in den Alltag integrieren.

Bei ausstrahlenden Schmerzen ins Bein, Taubheitsgefühlen, Schmerzen nach einem Sturz oder Beschwerden, die über Wochen nicht besser werden, gehört die Abklärung in ärztliche oder physiotherapeutische Hände. Ergänzende Selbsthilfe-Ansätze für den unteren Rücken findest du im Beitrag Akupressur bei Rückenschmerzen und Ischiasschmerzen.

Die wichtigsten Übungen: So dehnst und stärkst du deinen Lendenmuskel

Die folgenden Übungen decken die drei Bausteine Länge, Kraft und Kontrolle ab. Sie brauchen keine Geräte und lassen sich in 10 bis 15 Minuten durchführen.

Psoas dehnen: Kniender Ausfallschritt

Knie dich in einen Ausfallschritt, das hintere Knie liegt auf einer weichen Unterlage. Kippe das Becken nach hinten, als wolltest du das Steißbein nach unten-vorn schieben, und spanne den Po der hinteren Seite an. Erst dann schiebst du die Hüfte langsam nach vorn, bis du eine Dehnung in der Leiste spürst. Der Oberkörper bleibt aufrecht.

Der häufigste Fehler: ins Hohlkreuz ausweichen. Dann dehnt sich vor allem die Lendenwirbelsäule, nicht der Psoas. Halte die Position 30 bis 60 Sekunden pro Seite und atme ruhig weiter.

Psoas-Mobilisation im Liegen

Lege dich mit dem Gesäß an die Kante eines stabilen Bettes oder einer Bank. Ziehe ein Knie mit beiden Händen zur Brust und lass das andere Bein entspannt nach unten hängen. Die Schwerkraft zieht das hängende Bein in die Hüftstreckung. Diese Position eignet sich gut zum Entspannen nach einem langen Tag. Weitere Varianten beschreibt der Beitrag Psoas Muskel dehnen im Liegen.

Kräftigung: Hüftbeugung im Stand

Stelle dich aufrecht hin, eine Hand an der Wand. Hebe ein Knie langsam über Hüfthöhe und halte es dort fünf Sekunden, ohne dass der Oberkörper nach hinten kippt. Langsam absenken, acht bis zehn Wiederholungen pro Seite. Diese Übung trainiert den Psoas im verkürzten Bereich – genau dort, wo viele nach Jahren im Sitzen keine Kraft mehr haben.

Kontrolle: Dead Bug

In Rückenlage hebst du Arme und Beine an, Hüft- und Kniegelenk im rechten Winkel. Drücke den unteren Rücken sanft in den Boden und strecke langsam den gegenüberliegenden Arm und das gegenüberliegende Bein aus, ohne dass der Rücken abhebt. Der Psoas arbeitet hier zusammen mit der Bauchmuskulatur an der Stabilisierung der Lendenwirbelsäule.

Für das Büro eignen sich Varianten, die ohne Bodenkontakt auskommen. Eine Auswahl findest du im Beitrag Psoas dehnen im Sitzen.

ÜbungBausteinDosierung
Kniender AusfallschrittLänge2–3 × 30–60 s pro Seite
Mobilisation im LiegenLänge, Entspannung1–2 min pro Seite
Hüftbeugung im StandKraft2 × 8–10 Wdh. pro Seite, 5 s halten
Dead BugKontrolle2 × 6–8 Wdh. pro Seite

Die Dosierungen sind Startwerte für Einsteiger. Steigere Haltezeiten und Wiederholungen schrittweise, wenn die Übungen sauber und schmerzfrei gelingen.

Stress und der „Seelenmuskel“: Was am mentalen Aspekt dran ist

In Ratgebern und im Yoga wird der Psoas häufig als „Seelenmuskel“ bezeichnet. Die Begründung: Er sei eng mit dem Nervensystem verknüpft, reagiere auf Stress mit Anspannung und speichere emotionale Belastungen. Wer ihn entspanne, entspanne auch den Kopf.

Evidenzbewusst betrachtet, ist der Begriff eine Metapher. Für eine besondere Verbindung des Psoas zu Emotionen, die über andere Muskeln hinausgeht, gibt es keine belastbaren Belege. Gut untersucht ist dagegen ein allgemeinerer Zusammenhang: Unter Stress steigt die Grundspannung der Muskulatur, und die Atmung wird flacher. Das betrifft die Nacken- und Schultermuskulatur ebenso wie die Rumpfmuskeln.

Für dein Training heißt das: Die Verbindung von Atmung und Bewegung ist sinnvoll, unabhängig vom Etikett. Ruhige, tiefe Bauchatmung während der Dehnung erleichtert vielen das Loslassen, und die Hüftmobilisation im Liegen eignet sich gut als Abschluss eines anstrengenden Tages. Wie bewusste Atmung und kleine Rituale auch auf dem Arbeitsweg Spannung reduzieren können, beschreibt der Beitrag Pendeln ohne Stress.

Und zurück zum Start: Wer acht Stunden sitzt, wird diese Zeit mit 15 Minuten Training nicht vollständig ausgleichen. Wirksamer ist die Kombination – regelmäßige kurze Unterbrechungen im Alltag, ein paar gezielte Übungen pro Woche und ein Training, das die Hüfte über ihren vollen Bewegungsumfang nutzt.

Häufige Fragen (FAQ)

Häufige Fragen

Was bewirkt das neue Psoas-Training?
Es zielt darauf ab, die Beweglichkeit der Hüfte zu verbessern, indem der große Lendenmuskel gedehnt, gekräftigt und im Alltag häufiger aus der gebeugten Sitzposition geholt wird. Das kann die Hüftstreckung verbessern und Kompensationsbewegungen im unteren Rücken reduzieren.
Wie oft sollte man den Psoas Muskel trainieren?
Für Einsteiger sind zwei bis drei kurze Einheiten von 10 bis 15 Minuten pro Woche ein guter Start. Wer viel sitzt, profitiert zusätzlich von kurzen Unterbrechungen im Alltag, etwa einer Dehnung im Stehen nach längeren Sitzphasen.
Kann ein verkürzter Psoas Ischiasschmerzen auslösen?
Ein eingeschränkter Psoas wird mit Beschwerden im unteren Rücken in Verbindung gebracht, der direkte Zusammenhang ist aber nicht eindeutig belegt. Ausstrahlende Schmerzen ins Bein, Taubheit oder Kribbeln sollten ärztlich abgeklärt werden, da sie viele Ursachen haben können.
Welche Rolle spielt Ingo Froböse beim Psoas-Training?
Der Sportwissenschaftler Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule Köln hat ein Buch mit dem Titel „Das neue Psoas-Training“ veröffentlicht, das sich gezielt dem großen Lendenmuskel widmet. Das konkrete Übungsprogramm ist dort beschrieben.
Warum wird der Psoas oft als Seelenmuskel bezeichnet?
Der Begriff stammt vor allem aus Yoga und Ratgeberliteratur und beschreibt die Idee, dass der Psoas auf Stress mit Anspannung reagiert. Für eine besondere emotionale Rolle gibt es keine belastbaren Belege; gut belegt ist nur, dass Stress die Muskelspannung allgemein erhöht.
Welche Übung hilft am schnellsten bei Psoas-Verspannungen?
Viele empfinden den knienden Ausfallschritt mit nach hinten gekipptem Becken als besonders wirksam, weil er gezielt die Hüftstreckung dehnt. Wichtig ist, nicht ins Hohlkreuz auszuweichen. Für dauerhafte Verbesserungen sollte die Dehnung mit Kräftigungsübungen kombiniert werden.